CfP: Jahrbuch Erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung Bd. 18/2022

„Familie, Geschlecht und Erziehung – in Zeiten der Krisen des 21. Jahrhunderts“ (herausgegeben von Robert Baar und Maja S. Maier)

Familie ist für den überwiegenden Teil der Kinder und Jugendlichen primärer Ort von Erziehung, Bildung und Sozialisation. Hier erfahren sie – eingelassen in die alltägliche Lebensführung – die Relevanz (wie auch Irrelevanz) von Geschlecht und werden zu Mädchen* wie Jungen*. 

Aus Perspektiven der Geschlechterforschung war und ist Familie noch vor den Peers, den pädagogischen Institutionen und gesellschaftlichen Arrangements die zentrale Stelle, an der – im Modus von Arbeitsteilung und Erziehungsverständnissen – Geschlechterdifferenzen hergestellt und alltägliche Geschlechterordnungen etabliert werden. Die Zunahme der weiblichen Erwerbsquote, die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter in Ehe und Familie, die moralische Legitimierung des männlichen Interesses an Familienzeit, aber auch die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz und Sichtbarkeit postmoderner familiärer Lebensformen (wie gleichgeschlechtliche bzw. queere Elternschaft, unterschiedlichste Patch-work-Konstellationen, aktive Alleinelternschaft, projektförmige kernfamilien- bzw. generationenübergreifende Formen des Zusammenlebens, in regionaler/internationaler Distanz lebende Familien u.a.) haben vielfältige Gelegenheiten geschaffen, die private Lebensführung stärker den individuellen Bedürfnissen auch ‚jenseits der Geschlechterfalle‘ anzupassen. Trotz all dieser Veränderungen und der Zunahme an Gestaltungsmöglichkeiten fallen Reproduktions- bzw. Care-Arbeit und damit insbesondere auch Erziehungsaufgaben entlang des historisch-bürgerlichen Familienmodells auch im 21. Jahrhundert nach wie vor prioritär in den Aufgabenbereich von Frauen. Davon sind Frauen in ungleichen sozialen Lagen – und damit auch im globalen Kontext – gleichermaßen, wenn auch unterschiedlich betroffen. 

Die erziehungswissenschaftliche Familienforschung richtet ihr Erkenntnisinteresse demgegenüber insbesondere auf Erziehung im Generationszusammenhang, in unterschiedlichen sozialen Milieus und in-nerhalb von differenten kulturellen Ordnungen (vgl. Matthes 2018; Ecarius 2020). Die Relevanz von Geschlecht wird dabei vor allem an die Ausgestaltung von Eltern- bzw. Großelternrollen geknüpft. 

Betrachtet man Familie jedoch jenseits familiärer Rollenbeziehungen im Sinne eines doing family auch als Herstellungsleistung (Jurczyk 2014), die unmittelbar mit Prozessen von doing gender und doing education verwoben ist, lassen sich Familie, Geschlecht und Erziehung in analytischer Perspektive systematisch aufeinander beziehen. Dieses Anliegen verfolgt der Band mit einem spezifischen Fokus. Denn Familie wird nicht im ‚luftleeren Raum‘ hergestellt, sondern findet unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen und im Kontext öffentlicher Diskurse statt. Aktuell erscheinen uns vor diesem Hintergrund gesellschaftliche Krisen, die die sozialstrukturellen und diskursiven Rahmenbedingungen verändern und/oder begrenzen, unter denen Familien ‚Familie tun‘ und Erziehungsprozesse gestalten, besonders interessant. Die Corona-Pandemie und die dadurch ausgelöste gesellschaftliche, wirtschaftliche und arbeitspolitische Krise erweist sich als Brennglas, unter dem sich das Verhältnis von Familie, Geschlecht und Erziehung erneut verschiebt – die Re-Traditionalisierung der Geschlechterbeziehungen und die Reproduktion ungleicher Bildungschancen sind dabei nur zwei der gravierendsten Tendenzen dieser Entwicklung (vgl. dazu auch die Stellungnahme der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der DGfE 2020). 

Diese und andere Krisen zum Ausgangspunkt nehmend, widmet sich der 18. Band des Jahrbuchs erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung folglich der Frage, wie Familie(n) unterschiedlichster Konstellationen unter krisenhaften Bedingungen mit Erziehungsherausforderungen umgehen und wie hierbei auf Geschlecht und Geschlechterdifferenz zurückgegriffen wird bzw. Differenz konstruiert und Differenzierungen vorgenommen werden. 

Krisen lassen sich einerseits als über einen längeren Zeitraum anhaltende massive Störungen gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher, und hier auch: familiärer Ordnungen in den Blick nehmen, die eingespielte Aufgabenteilungen und Alltagsroutinen unter Druck setzen; andererseits markieren Krisen potentielle Wendepunkte, an denen sich Chancen eröffnen, überkommene Muster, private wie institutionalisierte Arrangements und darin eingelassene vergeschlechtlichte und vergeschlechtlichende Handlungsorientierungen sowie Machtverhältnisse aktiv in Frage zu stellen, zu überdenken und neu auszurichten. 

Die Krisen, denen sich Familie und Familien in jüngerer Zeit ausgesetzt sehen, von denen sie selbst Teil sind und/oder sich in und mit ihnen bewegen, stellen Familien lokal wie global vor die Herausforderung, die Auswirkungen der Krisen auf Erziehungspraxis sowie auf Geschlechtervorstellungen abzufedern, zu kompensieren oder in einer anderen Weise zu bearbeiten. 

Die folgenden Fragestellungen sollen das Spektrum möglicher Beiträge skizzieren, ohne mögliche The-matiken vorab festzulegen oder auszuschließen: 

Welche Grenzziehungen und Grenzverschiebungen im Verhältnis von Familie, Erziehung und Geschlecht gingen beispielsweise mit der 2006 als Krise des Immobilienmarkts und der Banken beginnenden und 2007 in einer globalen Wirtschaftskrise endenden Krise einher? Was bedeutete die Euro-Krise von 2010 für Familien und Geschlechterbeziehungen beispielsweise in Südeuropa, wenn ein oder mehrere Elternteile aufgrund von Arbeitslosigkeit nach Deutschland oder in andere Länder migrierten?Welche Verschiebungen ergeben sich für Geschlechter- und Erziehungsverständnisse im Zusammenhang mit der Migration im Kontext von Verfolgung und Krieg seit 2015? Welche Bedeutung erhält die Familie für Erziehungsprozesse unbegleiteter minderjähriger Schutzsuchender, und welche Rolle spielt dabei das Geschlecht der Beteiligten? In welchem Verhältnis stehen Vorstellungen von Familie, Geschlecht und Erziehung in rechtspopulistischen Diskursen zu dem, was als ‚Flüchtlingskrise‘ bezeichnet worden ist? Wie verhält es sich mit Familie, Erziehung und Geschlecht im Rahmen der Klimakrise und der Schüler*innen-Proteste der „Fridays-for-Future“-Bewegung? Welche Bedeutung kommt Familie und Geschlecht im Zusammenhang mit dieser weltweiten Jugendbewegung im globalen Süden zu? Was bedeutet schließlich die Corona-Pandemie für Elternteile, die neben ‚Home-Office‘, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit Kinder und Jugendliche zuhause betreuen und unterrichten müssen, während institutionalisierte Erziehung durch Kindertagesstätte und Schule an Bedeutung verliert? Welche Auswirkungen haben die reduzierten Kontaktmöglichkeiten zu Peers und Verwandten für Erziehungserfahrungen und Geschlechterbilder von Kindern und Jugendlichen? Welche Bedeutung hat Geschlecht, wenn Kinder und Jugendliche und/oder weitere Familienmitglieder in Belastungssituationen auf institutionelle Unterstützung durch sozialpädagogische Familienhilfe oder Erziehungs- und Paarberatung verzichten müssen und beispielsweise familiärer Gewalt schutzlos ausgeliefert sind? 

Wir laden dazu ein, Beiträge zu solchen und weiteren, den Themenschwerpunkt des Bandes betreffenden Fragen einzureichen. Wir würden uns freuen, wenn im Band auch internationale, intersektionale und queere Perspektiven vertreten wären. Eine Einreichung ist in englischer und deutscher Sprache möglich. 

Das Jahrbuch Erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung 2022 (Band 18, Verlag Barbara Budrich) wird neben diesem Themenschwerpunkt eine in ihrem Umfang begrenzte Rubrik für offene Beiträge enthalten. Diese können das Thema des Bandes in einem erweiterten Kontext aufgreifen oder thematisch unabhängig sein. Erbeten sind Beiträge, die explizit aus einer erziehungswissenschaftlichen und geschlechtertheoretischen Perspektive argumentieren bzw. Geschlecht und Erziehung zum zentralen Gegenstand haben. Die Beiträge können empirischen, theoretischen oder methodologischen Charakter haben. Erwünscht sind auch Rezensionen und Sammelrezensionen zu Veröffentlichungen aus unterschiedlichen Kontexten der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung, die sich vorzugsweise, aber nicht ausschließlich mit dem Schwerpunkt dieses Bandes beschäftigen. 

Die Beiträge für den Themenschwerpunkt (bis 35.000 Zeichen) und im offenen Teil (bis 20.000 Zeichen) werden in einem Blind-Peer-Review-Verfahren ausgewählt. 

Sowohl für die Beiträge zum Schwerpunktthema als auch für den offenen Teil bitten wir um die Zusendung eines Exposés (max. 3.000 Zeichen) bis zum 15.09.2020. Auf der Grundlage des Exposés laden die Herausgeber*innen dann im Oktober 2020 Autor*innen ein, einen Beitrag zu verfassen. Bitte beachten Sie, dass die Aufforderung zur Einreichung eines Beitrages noch nicht seine Annahme bedeutet. Die ausgearbeiteten Beiträge müssen dann bis zum 31.03.2021 vorliegen und werden im Frühjahr 2022 publiziert. 

Literatur 

Ecarius, Jutta (2020): Perspektiven qualitativer Forschung zu Erziehung. In: Nohl, A.-M. (Hrsg.): Re-konstruktive Erziehungsforschung. Wiesbaden: Springer, 39-60 

Jurczyk, Karin (2014): Familie als Herstellungsleistung. In: Jurczyk, K. et al. (Hrsg.): Doing Family. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, 50-71 

Matthes, Eva (2018): Familie und Familienforschung in der Erziehungswissenschaft. In: Wonneberger, A. et al. (Hrsg.): Familienwissenschaft, Familienforschung. Wiesbaden: Springer, 249-280 

Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der DGfE (2020): Geschlechterverhältnisse der Krise und ihrer Bewältigung. Statement zum Umgang mit der Corona-Pandemie vom 05.05.2020, https://www.dgfe.de/fileadmin/OrdnerRedakteure/Sektionen/Sek11_FuGFiEW/2020_State-ment_Corona_SektionFGF.pdf

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