CfP „Quo vadis Feminist STS?“ , 13./14.6.2019, TU Berlin

Liebe Kolleg*innen,
anbei der CfP für ein gemeinsames Symposium der Sektionen Frauen- und Geschlechterforschung und Wissenschafts- und Technikforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) am 13./14.6.2019 an der TU Berlin.
Für freuen uns über Einreichungen von Abstracts aus dem Mitgliederkreis der FG Gender.
Herzliche Grüße,
Mike Laufenberg
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Call for Papers
Quo vadis Feminist STS? – Genealogien, Herausforderungen und Visionen feministischer Wissenschafts- und Technikforschung
 
Gemeinsames Symposium der SektionenFrauenund Geschlechterforschung“ und „Wissenschafts- und Technikforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
13./14. Juni 2019, Technische Universität Berlin
Von den 1970er Jahren bis heute hat sich die feministische Wissenschafts- und Technikforschung zu einem enorm vielseitigen und produktiven Forschungsfeld innerhalb und quer zu den Arbeitsgebieten der Geschlechterforschung und der Science and Technology Studies entwickelt. Die zur Anwendung kommenden Theorien, Methoden und Konzepte sind hierbei so heterogen wie die Forschungsgegenstände. Beispielsweise befassen sich Feminist STS mit Wechselwirkungen zwischen Geschlechter- und Wissensordnungen, mit der Ko-Produktion von Wissenschaft, Technik und sozialen Differenzkategorien (Geschlecht, Race, Dis/Ability, Sexualität etc.), aber auch mit dem De-Gendering von technischen Artefakten. Sie untersuchen die Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaft, Technik und Gesellschaft im Lichte sozialer Macht- und Herrschaftsverhältnisse und analysieren die Rolle von wissenschaftlichen Praktiken und Technologien für (neue) Formen der Subjektivierung, Materialisierung und Verkörperung. Zudem rückt die feministische Wissenschafts- und Technikforschung Fragen der Ethik, Verantwortung und sozialen wie ökologischen Gerechtigkeit ins Zentrum ihrer Auseinandersetzung. Feminist STS bilden hierbei kein geschlossenes, disziplinär abgrenzbares Feld, sondern gehen Verbindungen mit weiteren Disziplinen und Forschungsfeldern ein (z.B. Postcolonial, Queer, Trans*, Disability Studies; soziologische, philosophische, anthropologische, polit-ökonomische und historische Perspektiven auf Wissenschaft, Technik und Gesellschaft).

Wir wollen diese Pluralität und Diversität der Feminist STS zum Anlass nehmen, um zu fragen: Was ist das Feministische an der feministischen Wissenschafts- und Technikforschung? Was unterscheidet diese von Ansätzen in STS und Geschlechterforschung, die ohne diese Attribuierung auskommen? Was tun wir, wenn wir Feminist STS betreiben? Auf welche feministischen Genealogien wird hierbei rekurriert? Und vor allem: Wofür wird Feminist STS heute und zukünftig gebraucht? Bei allen Unterschieden scheinen in den Feminist STS eine Ausgangsthese und eine Forschungshaltung weit verbreitet zu sein: Die Ausgangsthese lautet, dass die Frage nach den gesellschaftlichen Implikationen von Wissenschaft und Technik immer auch die Frage nach (asymmetrischen) Machtverhältnissen und deren komplexen Wechselbeziehungen mit Wissenschaft und Technik einschließt. Die Forschungshaltung wiederum besagt, dass es nicht nur darum geht, Wissenschaft und Technologie zu kritisieren, sondern bessere Wissenschaften und Technologien zu ermöglichen, um andere Welten zu imaginieren und mit zu konstruieren.
Der Anspruch, machtkritisch und beteiligt zu sein, mündet in Spannungen, die in eine Selbstverständigung über das Feministische an den Feminist STS miteinbezogen werden sollten: Wenn Wissenschaft und technische Artefakte nicht nur dekonstruiert und negiert, sondern mitgestaltet werden sollen, eröffnet dies nicht nur eine Partizipation an machtvollen Gestaltungsmöglichkeiten, sondern zudem unzählige Wege der Vereinnahmung, Instrumentalisierung und Inwertsetzung. Wird Feminist STS in Zeiten von High-Tech-Kapitalismus, neoliberaler Hochschulorganisation und Innovationsdruck in einer Rolle gesehen, in der sie zunehmend nach Profitabilität bewertet und auf die Funktion von Begleit-, Qualitäts- und Evaluationsforschung reduziert wird?
Diese Frage scheint umso mehr virulent in einer Zeit zu werden, die von rasanten, nicht nur für die Geschlechterforschung relevanten, Veränderungen in den Gefügen von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft geprägt sind, welche einer kritischen Analyse bedürfen.
Wir freuen uns über theoretische, konzeptionelle und/oder empirische Beiträge, die sich im weitesten Sinne im Kontext der feministischen Wissenschafts- und Technikforschung verorten. Der Schwerpunkt kann dabei auf folgenden Themen liegen:
  • Genealogien, historische Debatten und theoretische Auseinandersetzungen in den Feminist STS: Was können wir von vergangenen Debatten lernen, z.B. vom Streit zwischen technikaffinen und technikpessimistischen Positionen, von der Universalismus- und Objektivitätsdebatte oder vom Ökofeminismus? Welche Rolle spiel(t)en soziale Bewegungen, wie Frauenbewegungen, dekoloniale Bewegungen, Gesundheitsaktivismus, Behindertenbewegung, Umweltbewegung, LGBTIQ-Bewegungen für die Theoriebildung der Feminist STS? Welche Ansätze und Problematisierungsweisen sind dem institutionellen Vergessen anheim gefallen und marginalisiert?
  • Aktuelle Herausforderungen: Welchen Beitrag leisten die Feminist STS für eine kritische Analyse der rasanten sozio-technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart und deren Implikationen für die Geschlechterverhältnisse? Welche Handlungsspielräume und Emanzipationsprozesse, aber auch welche globalen und lokalen Segregationen, Ungleichheiten und Ausbeutungsformen artikulieren sich angesichts aktueller Formationsprozesse des digitalen Kapitalismus? Welche Voraussetzungen, Dynamiken und Effekte haben aktuelle Entwicklungen in den Bio- und Technowissenschaften sowie in den soziotechnischen Gefügen, in die diese eingebettet sind? –  etwa hinsichtlich Reproduktions- und Care-Technologien, Body Modification, Robotik, Neuro- und Genetic Engineering, aber auch in Bezug auf Sicherheits- und Überwachungstechnologien. Welchen Beitrag leisten die Feminist STS für aktuelle Diskussionen über Klimawandel, Big Data und Militarisierung?
  • Register und Vokabular der Kritik: Welche Konzepte, Ansätze und Begriffe führt Feminist STS an, um gegenwärtige Entwicklungen kritisch zu verhandeln, insbesondere im Register der Ethik (z.B. hinsichtlich Reziprozität, Worlding, Vulnerabilität, Verantwortung und der Debatte um eine empirische Ethik), aber auch in gerechtigkeits-, freiheits- oder ausbeutungstheoretischem Vokabular? Welche De-/Thematisierungen sind mit den jeweiligen Konzepten und Begriffen verbunden, welche Möglichkeiten, aber auch Grenzen charakterisieren sie?
  • Visionen und Utopien der Feminist STS: Welche zukünftigen, noch zu entwickelnden oder auszuweitenden feministischen STS-Perspektiven brauchen und wollen wir für eine kritische und/oder konstruktive Wissenschafts- und Technikforschung? Welche Imaginationen und Ko-Konstruktionen von Welt unterstützt Feminist STS und welche Implikationen hat dies für Geschlecht und andere Differenzkategorien?
Um sowohl eine Diversität unterschiedlicher Präsentationen als auch einen roten Faden für die übergreifende Diskussion zu ermöglichen, bitten wir alle Beitragenden im Rahmen ihrer Präsentation das Feministische an ihrem Forschungsprojekt zu explizieren. Dies kann sich auf den Gegenstand, auf die theoretischen und konzeptionellen Zugänge, auf das methodische Vorgehen und/oder die Forschungshaltung beziehen. Beiträge, denen ein intersektionales Verständnis von Feminist STS zugrunde liegt und die Brücken zu anderen Forschungsfeldern schlagen (z.B. Queer und Trans* Studies, Postcolonial Studies, Disability Studies, politische Ökonomie, Ethik, Workplace und Material Cultural Studies) sind besonders willkommen.
Das Symposium wird in Kooperation mit dem Fachgebiet „Gender in MINT und Planung/Feminist Studies in Science, Technology and Society“, Technische Universität Berlin, ausgerichtet.
Wir bitten um Einreichungen von Abstracts im Umfang von 1 DIN-A-4-Seite bis zum 15. Feb. 2019 an: Sahra Dornick <sahra.dornick@tu-berlin.de>, Mike Laufenberg <mike.laufenberg@tu-berlin.de> und Petra Lucht <petra.lucht@tu-berlin.de>.
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Dr. Mike Laufenberg
Zentrum für Interdisziplinäre Frauen-
und Geschlechterforschung (ZIFG), TU Berlin
Sekr. MAR 2-4, Raum MAR 2019
Marchstr. 23
10587 Berlin
Telefon: 030-31473723
Aktuelle Veröffentlichungen: Prekäre Gleichstellung. Geschlechtergerechtigkeit, soziale Ungleichheit und unsichere Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft. Wiesbaden: Springer VS, 2018 (zus. mit M. Erlemann, M. Norkus, G. Petschick).