CfP: „Vielfältige Familien: Elternschaft und Familie/n jenseits von Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit“ (Humboldt-Universität zu Berlin, 04./05.03.2021)

Gemeinsame Tagung des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG), des Lehrbereichs Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse und des DFG-VielFam-Projektes[1], in Kooperation mit der Universität Hamburg

Was ist eine Familie und wenn ja, wie viele? Elternschaft, Familie und Verwandtschaft werden in vielen Arenen und historischen Epochen verhandelt: ob in Politik und Medien, Comics und Filmen, Künsten und Wissenschaften, Technologie und Medizin, im Recht oder im privaten Alltag. Neben der ‚heterosexuellen Kernfamilie‘, die im golden age of marriage rechtlich und normativ institutionalisiert war, werden und wurden Elternschaft und Familie in diversen Konstellationen verwirklicht. Diese Pluralität findet heute teils rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung. Zugleich werden aber Elternschaft und Familie jenseits der heterosexuellen Norm in vielen Staaten heftig bekämpft. Dabei sind die Leitbilder, Repräsentationen und gelebten Wirklichkeiten von Familie und intimen Nahbeziehungen – historisch und global gesehen – weder vorsozial noch ein für alle Mal gegeben, sondern unterliegen fortwährendem Wandel.

Für die gegenwärtigen Verhandlungen von Familie, Verwandtschaft und Elternschaft sind verschiedene Aspekte besonders prägend: Neben sozialen und kulturellen Entwürfen von Näheverhältnissen und Wahlverwandtschaften spielen auch neue Reproduktionstechnologien und die dadurch vermittelte Vorstellung von ,genetischer Wahrheit‘ eine zentrale Rolle. Eine Verengung auf leiblich-genetische Verwandtschaft steht der Anerkennung von sozialer und rechtlicher Elternschaft dabei möglicherweise entgegen. Angesichts der wachsenden Bedeutung neuer Reproduktionstechnologien sind Debatten über einander widersprechende Konzepte, über Normen und Praktiken, Chancen und Risiken, Anerkennung und Erfahrungen daher drängender denn je. Dabei müssen die ethischen, ökonomischen und gesellschaftspolitischen Implikationen dieser Möglichkeiten auch vor dem Hintergrund transnationaler Ungleichheiten sowie nationaler Bevölkerungspolitiken diskutiert werden. So sind die ‚Freiheitsversprechen‘ einer reproduktiven Wahl, z.B. angesichts rechtlicher Restriktionen im eigenen Land, mit Ausweichrouten in ausländische Kliniken verbunden, und die globale Ökonomisierung reproduktiver Arbeit produziert neue Ungleichheiten. Zwar wird heute zunehmend darum gekämpft, eine große Pluralität familialer Lebensformen zu verwirklichen. Doch trans* und queer Lebende sowie rassifizierte und ökonomisch deprivilegierte Menschen stehen vor großen Herausforderungen, wenn sie rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung einfordern oder Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen wollen.

Im Fokus der Tagung stehen Verwandtschaftsbeziehungen, Familiengründungen und Elternschaften jenseits von heterosexueller Norm und Zweigeschlechtlichkeit. So ermöglichen Reproduktionstechnologien wie Samenspende, In-Vitro-Fertilisation oder Surrogacy (sog. ‚Leihmutterschaft‘) Familiengründungen mit heterogenisierter Akteur_innenbeteiligung, stärken aber auch leiblich-genetische gegenüber anderen Elternschaften. Dass das reproduktive ‚Personal‘ sich gleichwohl nicht notwendigerweise mit dem ‚Elternpersonal‘ deckt, zeigt sich in Begriffsneuerungen wie Mehrelternschaft, Multiple Elternschaft und Co-Parenting. Was Elternschaft und Familie (nicht) sind oder sein sollen, wird in gesellschaftlichen Narrativen und Diskursen, medialen und künstlerischen Repräsentationen sowie rechtlichen Norm- und Normalitätsvorstellungen ausgehandelt. Diese reagieren keineswegs nur passiv auf technologisch-medizinische Innovationen, sondern entwerfen ihrerseits neue Vervielfältigungen von ‚Familie‘, Generationalität und Zusammenleben. Die Frage, wie alte und neue Elternschaftskonstellationen und Familienformen vor diesem Hintergrund gelebt, repräsentiert und rechtlich reguliert werden, eröffnet eine Vielzahl theoretischer, analytischer und empirischer Perspektiven.

Die Tagung „Vielfältige Familien“ will dieses Themenfeld in seiner Komplexität erkunden, lässt bewusst Raum für die Diskussion von Ambivalenzen und lädt ein zu Beiträgen mit folgenden Schwerpunkten:

  • Historischer Wandel und Persistenz von (Ideal-)Vorstellungen zu Mutterschaft und Vaterschaft: Elternschaft jenseits von Cisnormativität;
  • Reproduktive und familiale Handlungen, Darstellungen und Imaginationen queerer Utopien und Visionen in Theater und Literatur, Filmen und anderen Medien;
  • (Ungleiche) rechtliche und sozialpolitische Anerkennungsordnungen für Elternschaft, Familie und Verwandtschaft;
  • Biopolitische Regulierung und Ermöglichungen (oder Begrenzungen) von Reproduktionsmedizin im trans-/nationalen Kontext, einschließlich Implikationen für ein wissenschaftlich-theoretisches und/oder alltagspraktisches Verständnis von Familie und Verwandtschaft;
  • Familiale und reproduktive (Alltags-)Praxen dies- und jenseits der heterosexuellen Norm und Zweigeschlechtlichkeit;
  • Bevölkerungspolitiken: Geschlecht – Sexualität – Rassismus – Nation;
  • Post/koloniale und migrationswissenschaftliche Perspektiven;
  • Rechtliche Imaginationen der „guten Familie“: über „Kindeswohl“, „Elternrecht“, Recht auf „Kenntnis der Abstammung“ und Anfechtung der „(Schein-)Vaterschaft“;
  • Familie und/oder Kinderlosigkeit: intergenerationale Beziehungen, single mothers and fathers? ( by choice), bewusste Entscheidung für ein Leben ohne eigene Kinder u.v.m.;
  • Familie(n) der Zukunft? Utopien und Dystopien zwischen Blutsbanden und Wahlverwandtschaft, Intimität und Solidarität, Keimzelle des Staates und politischer Privatheit.

Eingeladen sind Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen wie den Kultur-, Sozial-, Geschichts-, Rechts-, Regional-, Literatur-, Film- und Theaterwissenschaften. Aus historisch-vergleichenden, post/kolonialen, inter- und transdisziplinären Perspektiven, insbesondere geschlechter- und queertheoretisch informierten Zugängen, wollen wir uns zu den genannten Themen an zwei Tagen austauschen.

Wir freuen uns über Abstracts (max. 1 Seite) und Kurz-CV (max. 300 Zeichen) für 20-minütige deutsch- oder englischsprachige Vorträge oder Vorschläge für andere Präsentationsformate (z.B. Streitgespräche, Kurzpräsentationen, Performances, Kommentare). Wir bitten zu überprüfen, inwiefern eine Eigenfinanzierung der Reise- und Unterbringungskosten möglich ist, da nur begrenzte Konferenzmittel zur Verfügung stehen.

Bitte senden Sie Ihre Vorschläge bis zum 15.6.2020 an ztg-vielfam@hu-berlin.de

Konzeption und Organisation:

Gabriele Jähnert, Jasmin Köhler, Ulrike Lembke, Leoni Linek, Mona Motakef, Almut Peukert, Nadja-Christina Schneider, Julia Teschlade, Ulrike Vedder, Christine Wimbauer

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Joint Conference of the Center for Transdisciplinary Gender Studies (ZtG), the Department of Sociology of Work and Gender Relations, and the DFG Project VielFam[2], in cooperation with Universität Hamburg

What is a family and who can be part of it? Parenthood, family, and kinship are negotiated in many arenas throughout history: in politics and the media, comics and films, in the arts and sciences, technology and medicine, in law as well as the private sphere and in everyday life. In addition to the ‚heterosexual nuclear family‘, which was legally and normatively institutionalized in the ‚golden age of marriage‘, parenthood and family are and have been realized in diverse constellations. Today this plurality is partially recognized by law and society. At the same time, however, parenthood and the family beyond the heterosexual norm are fiercely fought against in many countries. The guiding principles, representations, and lived realities of family and intimate relationships – both historically and globally – are neither presocial nor definitively given, but are subject to constant change.

A variety of aspects are foundational to the current negotiations of family, kinship, and parenthood: In addition to social and cultural concepts of intimacy and families of choice, new reproductive technologies and the resulting notion of a ‚genetic truth‘ play a central role. However, a restrictive focus on biogenetic-genetic kinship might obstruct the recognition of social and legal parenthood. Thus, in view of the increasing importance of new reproductive technologies, debates on contradictory concepts, on norms and practices, on opportunities and risks, on recognition and experience are more urgent than ever. Furthermore, ethical, economic, and sociopolitical implications of these possibilities need to be discussed in the context of transnational inequalities and national population policies. For example, in order to realize the ‚promise of reproductive choice‘, LGBT*Qs (must) travel abroad, due to legal restrictions in their country of residence. Consequently, the global marketization of reproductive work produces new inequalities. Despite these growing opportunities to realize a variety of family forms, trans* and queer people, as well as racialized and economically deprived people, face different challenges than white, wealthy, heterosexual cis couples, if they want to claim legal and social recognition or make use of reproductive medicine, for example.

The conference will focus on kinship relations, family formation, and parenthood beyond heterosexual norms and binary gender. On the one hand, new reproductive technologies such as sperm donation, in-vitro fertilization, or surrogacy make it possible to found a family with a mixed group of participating actors. On the other hand, they privilege biogenetic parenthood over other types of parenthood. However, new concepts such as multiple parenthood and co-parenting show that participation in the reproductive process does not necessarily coincide with participation in parenting. Hence, social narratives and discourses, media and artistic representations, as well as legal notions of norms and normality reflect what parenthood and family are (not) or should (not) be these days. They do not simply react to technological-medical innovations, but rather create new multiplicities of ‚family‘, generationality, and cohabitation. How old and new constellations of parenthood and family forms are lived, represented, and legally regulated opens up a multitude of theoretical, analytical, and empirical perspectives.

The conference Diverse Families aims to explore this topic in all its complexity, leaves room for the discussion of ambivalences, and invites contributions on the following topics:

–          The historical change and persistence of ideals about motherhood and fatherhood: Parenthood beyond cis-normativity;

–          Reproductive and familial actions, representations, and imaginations of queer utopias and visions in theater and literature, film and other media;

–          (Unequal) legal and sociopolitical recognition orders for parenthood, family, and kinship;

–          Biopolitical regulation and facilitation (or limitation) of reproductive medicine in a trans-/national context, including implications for a scientific-theoretical and/or practical everyday understanding of family and kinship;

–          Family and reproductive (everyday) practices on within and beyond the heterosexual norm and gender binary;

–          Population policies: gender – sexuality – racism – nation;

–          Post-/colonial and migration studies perspectives;

–          Legal imaginations of the „good family“: best interest of the child and parental rights, knowledge of parentage, and contesting  paternity;

–          Family and/or childlessness: intergenerational relationships, single mothers and fathers by choice, the conscious decision for a life without children, etc.;

–          Family(s) of the future? Utopias and dystopias between blood ties and families of choice, intimacy and solidarity, the nucleus of the state and political privacy.

We welcome contributions (maximum 1 page abstract and a CV – max. 300 characters) in English or German from a variety of disciplines such as cultural, social, historical, legal, regional, literary, film, and theater studies. Over the course of the conference, we will be discussing the above-mentioned topics from comparative, post-colonial, inter- and transdisciplinary perspectives, in particular gender and queer theory approaches. This call invites submissions of abstracts for 20-minute lectures or suggestions for other presentation formats (e.g. debates, short presentations, performances, commentaries). We ask you to check whether you dispose of sufficient funding for travel and accommodation, as there is only limited financial aid available.

Please submit your abstracts by June 15th 2020 to ztg-vielfam@hu-berlin.de

Organization team:

Gabriele Jähnert, Jasmin Köhler, Ulrike Lembke, Leoni Linek, Mona Motakef, Almut Peukert, Nadja-Christina Schneider, Julia Teschlade, Ulrike Vedder, Christine Wimbauer

[1]Ambivalente Anerkennungsordnung. Doing reproduction und doing family jenseits der ‚Normalfamilie‘“ (DFG MO 3194/2-1, PE 2612/2-1, WI 2142/7-1), Leitung: Mona Motakef, Almut Peukert und Christine Wimbauer, Laufzeit 1.1.18-31.3.21.

[2]Ambivalente Anerkennungsordnung. Doing reproduction und doing family jenseits der ‚Normalfamilie‘“ (Ambivalent Recognition Order. Doing Reproduction and Doing Family beyond the ‚Nuclear Family‘) (DFG MO 3194/2-1, PE 2612/2-1, WI 2142/7-1). Principle investigators: Mona Motakef, Almut Peukert, and Christine Wimbauer, Duration: 1.1.18-31.3.21