Wissenschaftsfreiheit, Vielfalt und demokratische Solidarität verteidigen.
Offener Brief des Vorstandes der Fachgesellschaft Geschlechterstudien
(im Oktober 2026)
Mit großer Sorge beobachten wir die gegenwärtigen politischen Entwicklungen und ihre gesellschaftlichen Folgen. Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026 stellt eine historische Zäsur dar. Die AfD wurde mit deutlichem Abstand stärkste Kraft; erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist eine weit rechtsstehende Partei in einem Landesparlament so nah an eine absolute Mehrheit herangerückt. Die Erfolge der AfD in Mecklenburg-Vorpommern verstärken unsere Befürchtungen, dass ein Teil der Gesellschaft extrem rechte und völkische Diskurse übernimmt, umsetzt oder sie zumindest billigend in Kauf nimmt.
Für uns als Wissenschaftler*innen der Geschlechterforschung ist diese Entwicklung auch deshalb alarmierend, weil die AfD nicht nur in Sachsen-Anhalt weitreichende Eingriffe in Wissenschaft, Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft vorsieht. In ihrem Regierungsprogramm werden die Angriffe auf die Geschlechterforschung ausdrücklich wissenschaftspolitisch formuliert. Gender Studies werden ebenso wie postkoloniale Ansätze als „politische Ideologie“ delegitimiert. Gleichzeitig soll ein Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft eingerichtet werden, der eine nationalistisch und rassistisch begründete Biopolitik stützen soll. Hinzu kommen Forderungen nach der Abschaffung von Gleichstellungsstrukturen, Inklusions- und Frauenförderprogrammen sowie nach einer grundlegenden Zurückdrängung geschlechterpolitischer und diversitätsorientierter Ansätze in Bildung und Wissenschaft. Statt Gleichstellungsbeauftragten sollen Familienbeauftragte eingeführt werden – eine Verschiebung von Geschlechtergerechtigkeit hin zu abstammungs- und binär gedachten Familienkonzepten beobachten wir beispielsweise in den USA oder der Türkei. Diese antidemokratischen Forderungen berühren grundlegende Fragen der Freiheit von Forschung und Lehre.
Auch in anderen Bereichen formuliert das Regierungsprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt weitreichende Veränderungen. Es wendet sich gegen bestehende Formen schulischer Inklusion, gegen Teile postkolonialer und postfaschistischer Erinnerungskultur, gegen die Sichtbarkeit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und verfolgt eine zuwanderungsfeindliche und rassistische Migrationspolitik.
Faschismus ist kein „ostdeutsches Problem“
Gleichzeitig warnen wir ausdrücklich davor, die gegenwärtige Entwicklung auf Sachsen-Anhalt oder auf „Ostdeutschland“ zu reduzieren. Eine solche Erklärung greift empirisch zu kurz. Sie droht, eine lange Tradition linearer Erzählungen zu reproduzieren, in denen Westdeutschland als demokratisch, modern und zivilisiert imaginiert wird, während Rassismus, Autoritarismus und Rechtsextremismus „ossifiziert“ werden. Damit geraten die miteinander verflochtenen Geschichten der postkolonialen, postnationalsozialistischen und postsozialistischen Gesellschaft aus dem Blick. Ebenso unsichtbar werden die politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Bedingungen, unter denen autoritäre und rechtsextreme Mobilisierungen entstehen. Die Wahlergebnisse und bundesweiten Entwicklungen zeigen, dass Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und Queerfeindlichkeit gesamtgesellschaftliche Phänomene sind. Auch international zeichnet sich eine Tendenz ab, kritische wissenschaftliche Ansätze zu delegitimieren, sie abzuschaffen oder Fördermittel zu entziehen.
Angriffe auf Geschlechterforschung reichen über die extreme Rechte hinaus
Wir beobachten, dass die Delegitimierung von Geschlechterforschung sowie antifeministische und queerfeindliche Argumentationsmuster nicht ausschließlich im rechtsextremen politischen Spektrum auftreten. Auch innerhalb demokratischer Parteien werden Geschlechterforschung, Gleichstellungspolitik und geschlechtliche Vielfalt zunehmend zum Gegenstand politischer Polarisierung. Im Berliner Wahlkampf der CDU wurde beispielsweise ein Gegensatz zwischen sogenannten „Gender-Lehrstühlen“ und wissenschaftlicher Spitzenforschung konstruiert. Gerade angesichts der aktuellen Situation halten wir es für inakzeptabel, wissenschaftliche Felder pauschal politisch zu delegitimieren, anstatt Fragen von Forschungsqualität, Ressourcen und wissenschaftspolitischen Prioritäten anhand wissenschaftlich und demokratisch begründeter Kriterien zu diskutieren.
Unsere Sorge richtet sich dabei nicht allein auf eine Verschiebung der Grenzen des öffentlich Sagbaren. Wissenschaftler*innen, Gleichstellungsbeauftragte, politische Initiativen sowie andere zivilgesellschaftlich Engagierte berichten zunehmend von Einschüchterungen, Angriffen und Drohungen. Unsere Kolleg*innen erleben immer häufiger Beleidigungen, öffentliche Diffamierungen, Einschüchterungsversuche bis hin zu Morddrohungen. Diese Angriffe können Forschung einschränken, Themen aus dem öffentlichen Raum verdrängen und dazu führen, dass Wissenschaftler*innen bestimmte Forschungsfragen, öffentliche Auftritte oder Formen des Wissenstransfers aus Sicherheitsgründen vermeiden.
Gerade jetzt brauchen wir Solidarität und Bündnisse
Gerade weil die Gender Studies ein Forschungsfeld sind, das disziplinenübergreifend arbeitet, betreffen diese Entwicklungen nicht nur die Geschlechterforschung. Für uns folgt daraus vor allem eines: Wir müssen enger zusammenarbeiten. Wir brauchen solidarische Bündnisse zwischen Kolleg*innen innerhalb der Gender Studies und zugleich Bündnisse über die Grenzen einzelner Forschungsfelder und Disziplinen hinweg – mit der Rechtsextremismus-, Antisemitismus-, Rassismus-, Migrations-, Disability-, Queer- und Ungleichheitsforschung ebenso wie mit Kolleg*innen aus anderen wissenschaftlichen Feldern. Wir fordern unsere Kolleg*innen auf: Schaut nicht weg, wenn vermeintlich einzelne Wissenschaftler*innen in euren Fächern oder in anderen Forschungsbereichen angegriffen werden. Diese Angriffe sind Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit; international können wir bereits beobachten, welche konkreten Folgen das haben kann, beispielsweise wenn Fördermittel entzogen, Lehrinhalte aus Curricula gedrängt und Wissenschaftler*innen unter Druck gesetzt oder dazu gezwungen werden, Institutionen oder das Land zu verlassen.
Wir brauchen den Austausch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Beratungsstellen, Akteur*innen der Bildungs- und Gleichstellungsarbeit und anderen Praxispartner*innen. Wissenschaft kann gesellschaftliche Entwicklungen analysieren und Wissen zur Verfügung stellen. Zugleich können wir von den Erfahrungen und dem Wissen derjenigen lernen, die täglich mit Diskriminierung, Bedrohungen und antidemokratischen Mobilisierungen konfrontiert sind.
Gerade angesichts zunehmender Angriffe auf Wissenschaft, Gleichstellung und gesellschaftliche Vielfalt halten wir solche solidarischen Infrastrukturen für unverzichtbar. Deshalb wird der Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien in den kommenden Monaten zu verschiedenen Formaten und Runden Tischen einladen. Wir möchten Räume schaffen, in denen wir uns über die gegenwärtige Situation austauschen, Erfahrungen und Wissen miteinander teilen und darüber beraten können, wie Wissenschaftler*innen und Institutionen mit Angriffen umgehen, bereits vorhandene Ressourcen teilen und überlegen, wie tragfähige Bündnisse zwischen Wissenschaft und Praxis gestärkt werden können.
Forschung hat auch den Auftrag, demokratische Strukturen zu stärken, und diesem Auftrag wollen wir mit diesem Statement und unserem Wirken nachkommen.



