Leser*innenbrief des Vorstands an die Redaktion der FAZ

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Thomas Thiel beschwört in seinem Artikel „Der Konformismus des Andersseins“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.11.17) vom einen vermeintlichen Streit innerhalb des interdisziplinären Feldes der Geschlechterforschung herauf, der zwischen moralischer Kritik und seriöser (empirischer) Wissenschaft bestehen soll. Vermeintlich beherrschen die seiner Meinung nach wenig wissenschaftlich fundierten Queer Studies das Feld, während die seiner Auffassung zufolge besseren wissenschaftlichen Arbeiten marginalisiert würden. Als Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien möchten wir mit diesem Brief darauf hinweisen, dass diese Darstellung keineswegs den Realitäten im interdisziplinären Feld der Gender-Studies entspricht, sondern mangelnde Kenntnisnahme durch den Autor zeigt.
Die Geschlechterstudien sind ein dynamisch wachsendes Wissensgebiet, welches in fast allen Disziplinen vertreten ist. Darunter finden sich ebenso die Geistes- und Sozialwissenschaften wie auch die Natur- und Technikwissenschaften. Dementsprechend sind die Gender-Studies ein plurales, inter- und transdisziplinäres Wissenschaftsgebiet, welches u.a. Analysen zur biopolitischen Regulierung von Geschlecht, zur intersektionalen Verschränkung von Migration und Geschlecht, zu LGBT*I*Q*-Lebensformen umfasst, wie auch Analysen
zur vergeschlechtlichten Arbeitsteilung, zur ungleichen Bezahlung von Arbeit, Gleichstellung, geschlechtsdifferenzierenden Gesundheitsvorsorge und stereotypen Geschlechterdarstellungen in Video-Games. Geschlechterforschung steht also für eine breite, diverse und differenzierte Forschung. Sie lebt – wie im übrigen alle wissenschaftlichen Forschungsfelder und Disziplinen – von Debatten, die ein grundlegender Bestandteil der Konstitution plausibler Erklärungsansätze darstellen.
Als gemeinsame Grundlagen der Gender-Studies kann die Erkenntnis gelten, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Geschlecht wie auch andere sozial wirksame Differenzen (wie Ethnizität, Klasse, Bildung, Alter, Gesundheit usw.) Identitätspositionen, Lebensweisen und Wahrnehmungen nachhaltig organisieren und alle sozialen Verhältnisse, den Zugang zu Politik und Macht und die Verteilung von Ressourcen regeln. Von diesen Machteffekten sind sowohl Frauen*, als auch viele Männer* betroffen, und über sie konstituieren sich Ausschlüsse z.B. von LGBT*I*Q*-Personen und people of color. Komplexe sozioökonomische Zusammenhänge und kulturelle Dynamiken differenziert nachzuvollziehen, ihren Wandel oder ihre Persistenz, ihre Regeln ebenso wie die Ausnahmen von diesen im historischen Vergleich offenzulegen, ist Aufgabe einer Wissenschaft der Geschlechter.
Ganz in diesem Sinne tritt die Fachgesellschaft dafür ein, sich den zentralen Herausforderungen der Gegenwart zuzuwenden. Heute möchten wir mehr denn je das auf wissenschaftlicher Forschung beruhende ethische und demokratische Bestreben der Gender-Studies betonen. Denn sie untersuchen Bedingungen sozialer, kultureller, sexueller, ethnisierter Diskriminierungen, sensibilisieren gegenüber struktureller und anders bedingter Gewalt und verändern somit eben diese gesellschaftlichen Bedingungen und Bedingtheiten.
Mit seinem Artikel beteiligt sich Thomas Thiel leider an der gegenwärtigen Tendenz, die Gender-Studies in der medialen und politischen Öffentlichkeit verfälschend darzustellen und Gender und Queer Studies gegeneinander auszuspielen. Er schließt sich unreflektiert den wiederholt geäußerten Behauptungen an, die betroffenen Wissenschaftler*innen seien wahlweise entweder nicht professionell, nicht wissenschaftlich, politisch radikal oder ideologisch erstarrt. Zudem versucht er nun, das Feld zu polarisieren, indem er unterschiedliche Forschungsmethoden in ein hierarchisches Verhältnis zueinander setzt und in Folge einige Wissenschaftlerinnen als seriöser als andere hervorhebt.
Als Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien und aktive Wissenschaftler*innen in den Gender-Studies weisen wir diese Vorgehensweise und damit die Unterstellungen und Diffamierungen der genannten Wissenschaftler*innen und des Wissenschafts- und Forschungsfeldes der Gender und Queer-Studies insgesamt zurück. Die im Artikel geäußerten Unterstellungen bewegen sich schlicht auf einem Kontinuum zwischen Halbwahrheiten und Falschmeldungen. Wir erklären uns gerne für informierende Gespräche bereit.

gez. für den Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien e.V.:

Prof. Dr. Sabine Grenz (Univ. Wien), Prof. Dr. Elisabeth Tuider (Univ. Kassel), Prof. Dr. Susanne Völker (Univ. zu Köln)