CfP: Queere Zukünfte Öffnung und Schließung von Möglichkeits(t)räumen

CALL FOR PAPERS

der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
in Kooperation mit ihrer AG Queer

zur Session „Felder der Transformation‘“

der 2. Regionalkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

„Great Transformation. Die Zukunft moderner Gesellschaften“

23.-27.9.2019 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

 

Queere Zukünfte

Öffnung und Schließung von Möglichkeits(t)räumen

voraussichtliches Datum der Session: 25.9.2019

 

Diagnosen posttraditionaler Gesellschaftsordnungen konvergieren vielfach um Thesen der Freisetzung. Chancen der Realisierung singulärer Subjektivität und einer selbstbestimmten Lebensführung, die Ausbildung vielfältiger Werthaltungen, die Entstehung eines „Raums für sich selbst“‘ und die Ausübung nonkonformer Praxen erscheinen an den Übergängen von Normierung zu Normalisierung, in der Aufweichung multipler Klassenstrukturen und während der Entgrenzung von Leben und Arbeit. Faktische oder vorgebliche Freiheitsgewinne sind dabei zugleich in Beziehung zu setzen zu individualisierten Anforderungen der Selbstgestaltung, Selbstoptimierung und Selbstregierung. Damit einher gehen Formen der Lebensführung, die auf mehr oder weniger subtile Weise Demarkationslinien des richtigen, des falschen und des unwürdigen Lebens installieren und Produktion wie Reproduktion mit kapitalistischen, zweigeschlechtlichen, heteronormativen, rassifizierenden und/oder klassenförmigen Funktionslogiken verbinden.

In verwirrender Gleichzeitigkeit bestehen damit derzeit Diagnosen der Öffnung und Schließung neben faktischen Potentialen und beobachtbaren, fühl- und spürbaren Verschärfungen gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen. Umso divergenter fallen so die daran anschließenden Entwürfe möglicher und erstrebenswerter Zukünfte aus. Diskutierten schon Anfang der 2000er Michael Meuser und Sylka Scholz die Zukunft der männlichen Erwerbsarbeit hinsichtlich ihrer geschlechtertheoretischen Implikationen sind es derzeit insbesondere Sabine Hark, Paula Irene Villa und Christine Wimbauer et al., die aktuelle (Anti-)Genderismen unter anderem mit dem Fehlen von Zukunftsaussichten und dem prekär werden (zweigeschlechtlicher und sexueller) Selbstverständlichkeiten in Verbindung bringen. Gleichzeitig zur Verwendung als Analysedimension stellen Zukunftsentwürfe in Aktivismen und Politiken eine hoffnungsvolle Weigerung entgegen der Verzweiflung dar (Ahmed), wie sie als Ort der Konvergenz und Epizentrum zur Ausgestaltung und Popularisierung von Praxen der Veränderung und Transformation beitragen (precarias a la deriva). Möglichen und verschlossenen Zukünften kommt in ihrer Verschränkung somit eine strukturierende Position zu sowohl innerhalb theoretischer Ausarbeitungen als auch im praktischen Handeln von Akteur*innen.

Nur teilweise ausgeleuchtet in der Debatte um die Zukunftsbeziehungen und -vernetzungen innerhalb gesellschaftlicher Transformationen scheint dabei die Frage der queerness. So konkurrieren derzeit Ansätze, die jede Form des Zukunftsbezugs als Wiederholung gesellschaftlicher Strukturen aus queerer Perspektive ablehnen (Edelman), sowohl mit Visionen, die jenseits identitärer Politiken auf geteilte Verletzbarkeit, Solidarität und Sorge zurückgreifen (Butler, Hark, Laufenberg), als auch mit Praktiken der sich immer weiter verschärfenden Abgrenzung von Zugehörigkeiten, um Institutionalisierung und radikal individuelle Emanzipation zu ermöglichen. Wie vor diesem Hintergrund Möglichkeiten queerer Gesellschaften imaginiert und/oder realisiert werden (können), wie sich mit den dargestellte gesellschaftlichen Veränderungen sowohl politische Ziele, als auch Formen der Zukunftserreichung verändern (müssen), und welche Zukunftsaussichten aus queerer Perspektive denkbar und lebbar, versperrt und in ihrer affektiven Besetzung zurückweisend erscheinen, soll in der vorliegenden Session zur Debatte stehen. Die durch die Überzeugung, dass es nicht so bleiben kann, wie es derzeit ist, erzeugten queeren Zukünfte, Visionen und Praktiken sind so selbst auf den Prüfstand zu stellen und einer kritischen Re-Analyse zu unterziehen.

Mit der Soziologie als Ort der Reflexion und Rekonstruktion queerer Utopien und Dystopien möchten wir so vor allem folgende Fragen bearbeiten:

  1. Wie sind queere Perspektiven innerhalb aktueller sozialer und politischer Zeitdiagnosen präsent oder inwiefern lassen sich Anschlüsse an diese herstellen? Welche Visionen queerer Zukünfte können daraus abgeleitet werden?
  2. Welche Möglichkeitsräume eröffnen und schließen sich für queere Praxen und Politiken in den aktuellen gesellschaftlichen Umstrukturierungen? Welche Zukünfte werden vor diesen Hintergründen denkbar, lebbar, begehrbar und erfahrbar?
  3. Welche Zukunftsvisionen entstehen derzeit in queeren Zusammenhängen? Welche Vorstellungen zirkulieren und in welchen Praxen bestehen Versuche und Erfolge ihrer Umsetzung?
  4. Welche queeren Kritiken, Erweiterungen und Überarbeitungen von Möglichkeiten, Kämpfen und Zukünften zirkulieren gegenwärtig in aktivistischer Praxis und/oder in reflexiver Akademie? Auf welchen gesellschaftstheoretischen Diagnosen, analytischen Mechanismen, Ein- und Ausblendungen basieren diese?
  5. Wie ist politische Praxis unter den Bedingungen von Versicherheitlichung, Atomisierung und Vereinnahmung sowie Freisetzung, De-Institutionalisierung und Entgrenzung zu denken? Welche queeren Perspektiven scheinen damit möglich und unmöglich?

 

Geplant ist die Session als Panel mit 4 Beiträgen á 20 Minuten plus 10 Minuten Diskussion. Erbeten werden Vorschläge für Beiträge in deutscher oder englischer Sprache. Senden Sie Ihre Abstracts bitte per Email an queerezukuenfte@gmx.de. Sie sollten höchstens 2500 Zeichen umfassen. Einsendeschluss ist der 17.3.2019. Eine Benachrichtigung über die Annahme Ihres Beitrags erhalten Sie Mitte April.

 

Für die Sektion

Folke Brodersen, Joris A. Gregor, Michaela Müller, Andrea Nachtigall